Mehr Gebärdensprache für Videos: KI als Schlüssel zur Barrierefreiheit

Nach Großbritannien und den USA kommt ein fotorealistischer Übersetzer nun nach Deutschland

Pressetext Köln / Cambridge / Berlin, Juli 2026

Digitale Barrierefreiheit wird zunehmend mitgedacht, doch die Versorgung mit Gebärdensprache hinkt weit hinterher. KI kann das ändern. Das Kölner G&L Systemhaus und das britische Unternehmen Signapse bringen eine bewährte Technologie für fotorealistische Gebärdensprache nach Deutschland. Nach dem erfolgreichen Einsatz in Großbritannien und den USA wird die KI-Lösung jetzt für die Deutsche Gebärdensprache (DGS) erschlossen. Kern der Entwicklung ist die Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Dolmetscher, Dozenten und Buchautor Andreas Costrau in Berlin.

Signapse - Andreas Costrau - Narrow

Das Original und sein digitales Pendant: Andreas Costrau bei Studioaufnahmen in Berlin. Seine Glossen bilden die Grundlage für den Digital Signer Kim.

Der Großteil aller digitalen Inhalte sind ungebärdet – nicht aus Gleichgültigkeit

Für gehörlose und schwerhörige Menschen ist die Deutsche Gebärdensprache nicht bloß eine Kommunikationshilfe, sie ist ihre erste Sprache, ihr kulturelles Zuhause. Dennoch werden digitale Inhalte größtenteils ohne Gebärdensprache veröffentlicht. Nicht weil Sender oder öffentliche Stellen das Problem ignorieren, sondern weil qualifizierte Dolmetscherinnen und Dolmetscher knapp sind und eine flächendeckende Versorgung schlicht nicht realisierbar ist.

Untertitel schließen diese Lücke nur zum Teil: Sie setzen eine sichere Lesekompetenz voraus und transportieren nicht die Tiefe einer visuellen Sprache. Etwa 200.000 Menschen nutzen die DGS in Deutschland, für viele ist sie die zentrale Alltagssprache.

Ein fotorealistischer Übersetzer namens Kim

Das Herzstück der technischen Lösung ist Kim, ein fotorealistischer KI-gestützter „Digital Signer" in weiblicher Gestalt, der ab Herbst 2026 für deutschsprachige Inhalte bereitstehen wird. Kim basiert auf derselben Kerntechnologie, die Signapse u. a. bereits für die British Sign Language (BSL) beim landesweiten Bahnnetz National Rail sowie für die American Sign Language (ASL) bei einem großen US-amerikanischen Streamingdienst im Einsatz hat.

Kim ist kein rein synthetischer Avatar, der am Reißbrett entworfen wird. Die Grundlage bilden umfangreiche Videoaufnahmen mit Andreas Costrau. Dieses Verfahren gewährleistet, dass Gebärden, Mimik und die für die DGS charakteristische Körpersprache natürlich und präzise wiedergegeben werden.

Andreas Costrau: Sprachkompetenz aus der Community

Die fachliche Qualität des DGS-Modells steht und fällt mit der Expertise hinter den Aufnahmen. Deshalb wurde Andreas Costrau als zentraler Sprachpartner gewonnen. Costrau ist DGS-Muttersprachler und stammt in dritter Generation aus einer gehörlosen Familie. Er ist ein in der Community bundesweit anerkannter, staatlich geprüfter DGS-Ausbilder und Dozent für Gebärdensprache an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin. Costrau ist außerdem Gründer von Gebaerdenservice.de, einer Bildungseinrichtung, die neben Übersetzungen auch Kurse, Coachings und Beratung anbietet.

Die Zusammenarbeit mit einem renommierten Experten war für G&L und Signapse klare Voraussetzung zur Entwicklung der DGS-Lösung. Hochwertige, authentische Gebärden stehen dabei an oberster Stelle. Die Akzeptanz des Produktes in der Gehörlosengemeinschaft ist das A und O. Und die setzt ein tiefes Verständnis für die DGS als eigenständige Sprache voraus, echten Respekt vor ihrer Identität und eine gelebte Verbundenheit zur Taubenkultur.

In einem Berliner Greenscreen-Studio sind die Aufnahmen mit Costrau angelaufen, aus denen das DGS-Modell gespeist wird. Er gebärdet vor der Kamera sogenannte Glossen, die Grundbausteine der Gebärdensprache. Die Signapse-Technologie überträgt diese mit hoher Präzision fotorealistisch auf Kim.

KI kommt, das ist ein Fakt, ob wir es wollen oder nicht. Umso mehr freue ich mich, die Entwicklung aktiv mitzugestalten. Die Zusammenarbeit mit G&L und Signapse bietet die Chance, KI-gestützte Gebärdensprachlösungen auf ein neues sprachliches Niveau zu bringen. Dabei darf die Deutsche Gebärdensprache nicht auf einzelne Vokabeln reduziert werden. Mimik, Kopfbewegungen, Körperhaltung, Blickführung, räumliche Grammatik und kulturelle Aspekte sind genauso wichtig wie die Gebärden selbst. Wir arbeiten kontinuierlich daran, diese Feinheiten abzubilden, damit digitale Lösungen entstehen, die authentisch sind und der Gebärdensprachgemeinschaft zugutekommen – unabhängig davon, ob Menschen hörend oder Taub sind.

Andreas Costrau
Gründer gebaerdenservice.de

Vom Proof of Concept zur Marktreife

Die Umsetzung folgt einem bewährten Verfahren: G&L integriert den Digital Signer nahtlos in bestehende Streaming-Infrastrukturen. So lässt sich KI-generierte DGS automatisiert und skalierbar direkt in Videos ausspielen, live wie auf Abruf, via API und SDK. Institutionen, die bislang aus Kapazitätsgründen auf Gebärdensprache verzichten mussten, erhalten damit eine organisatorisch und wirtschaftlich tragfähige Option.

Was Signapse in Großbritannien und den USA aufgebaut hat, zeigt: Diese Technologie funktioniert, und sie macht einen echten Unterschied. Jetzt bringen wir diese Möglichkeit nach Deutschland. KI beschleunigt hier keinen bestehenden Prozess, sondern schafft einen gänzlich neuen, der aus einem strukturellen Problem eine lösbare Aufgabe macht.

Alexander Leschinsky
CEO & Co-Founder G&L Systemhaus

Ergänzung, nicht Ersatz

Die KI-gestützte Lösung versteht sich ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu menschlichen Fachkräften. Professionelles Dolmetschen bleibt unverzichtbar, wo direkte Dialoge geführt werden oder besondere Anforderungen gelten, etwa in medizinischen, juristischen oder politisch sensiblen Kontexten. Ziel ist es, die bestehende Versorgungslücke dort zu schließen, wo die Rahmenbedingungen bislang Grenzen setzen.

Über G&L Systemhaus

Das Kölner G&L Systemhaus wurde vor über 25 Jahren im Umfeld der ARD-Serie "Lindenstraße" von Hans W. Geißendörfer und Alexander Leschinsky gegründet, mit dem Ziel, Fernsehen ins Internet zu bringen. Heute entwickelt das Unternehmen Streaming-Lösungen für öffentlich-rechtliche Sender und weitere Auftraggeber wie das Goethe-Institut, die Deutsche Telekom, Städte und Landtage. Zu den Projekten zählen die weltweite Live-Auslieferung parlamentarischer Sitzungen des Europäischen Parlaments in bis zu 32 Sprachen sowie KI-generierte Echtzeit-Untertitel für kommunale Versammlungen, etwa in der Landeshauptstadt Potsdam.

Über Signapse

Signapse ist ein britisches Unternehmen mit Sitz in Cambridge, das sich auf KI-gestützte Übersetzung von Video- und Audioinhalten in fotorealistische Gebärdensprache spezialisiert hat. Signapse wurde als Spin-out des Centre for Vision, Speech and Signal Processing der University of Surrey gegründet und wird von Chief Scientist Dr. Ben Saunders, Professor Richard Bowden und CEO Sally Chalk geführt, die mehr als 20 Jahre Erfahrung als Managing Director einer der führenden britischen Gebärdensprach-Agenturen einbringt. Es bestehen außerdem Forschungsverbindungen zur University of Oxford und zum University College London.

Die Technologie der „Digital Signer" entstand in enger Zusammenarbeit mit der Royal Association for Deaf People und ist bereits produktiv im Einsatz für British Sign Language (BSL) und American Sign Language (ASL). Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) befindet sich aktuell im Aufbau.

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